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Wirtschaftskriminalität

Heinz nahm die Air Berlin an diesem Dienstag morgen im Dezember. Abflug 6.30 h von Düsseldorf. In der morgendlichen Stunde reihte er sich ein in das Gemenge der Kurzstreckenreisenden am Flughafen Düsseldorf. Nach Erhalt der Bordkarte eilte er ohne Gepäck zur Personenkontrolle und betrachtete die beruflichen Mitreisenden. Dabei waren viele jüngere Männer, Middle – Management eben, in ausgebeulten Anzügen und abgewetzten Schuhen. Obligatorisch war für alle der mitgeführte Laptop. Auspacken, erklärten die Kontrolleure trocken, einzeln durchleuchten lassen, dann wieder einpacken. Schon in der Wartelounge packten sie wieder aus und arbeiteten. Abscheulich dachte Heinz. Keine Minute des Verharrens und Stillstandes. Wie gut, das er älter und weiter war in dieser Zeit der seelenlosen Apotheose der Effizienz und des Leistungswillens. Ihm behagte es mehr seine Gedanken streifen zu lassen um sie dann allmählich auf den bevorstehenden Termin zu richten. Nun, er war eben weiter und eine gewisse Stellung hat eben seine Privilegien. Er konnte es sich erlauben, inaktiv und vor sich hin wartend das bevorstehende Gespräch gedanklich vorzubereiten. Im Flieger herrschte geschäftliches Treiben. Die Laptops standen schon standby. Ein Glück, das niemand telefonieren durfte! Er hatte sich zu früh gefreut, hinter ihm klingelte aus der Anzugjacke eines offensichtlich russischen Geschäftsmannes das Handy mit der Melodie eines Pop-Schlagers. Auch ein Amulett gegen den bösen Blick hätte bei den vielen feindseligen Gesichtern der Mitpassagiere nicht viel helfen können. Dennoch unterhielt er sich noch seelenruhig zu Ende und legte auf bis gleich das nächste Klingeln ertönte. Auch diesmal ging er unbeeindruckt von den ungläubigen Blicken der anderen an den Apparat und meldete sich knapp. War das Telefonieren in Flugzeugen schon erlaubt, fragte sich Heinz. War diese Schonung schon aufgegeben? Nach dem Take off gab der Dauertelefonierer Ruhe, begab sich aber oft auf die Toilette. Ob er telefoniersüchtig war? Ein anonymer Telefoniker? Arbeitssüchtig waren hier aber viele. Denn kaum war nach dem Start die Kurve über Meerbusch geflogen und die Maschine Höhe gewinnend in Richtung Süden gedreht, öffneten sich die Laptops und es wurde in die Tasten gehauen, als wenn man von tausend Hunden gejagt würde. Heinz sondierte das Feld: Sein geübtes Auge glaubte eine Spezie der Steuersparreisenden zu entdecken, den Typus des älteren Mannes, der in alten, abgetragenen Kleidungsstücken, möglicherweise noch aus den 70 er Jahren, und schlechtem Haarschnitt bei ständigem Konsumverzicht jede kleinere Tranche Geldes persönlich hinüber brachte. Er selbst hatte einen Vetter der so agierte. Vetter Froeschlein. Dieser Vetter Froeschlein war Besitzer eines Depots in Vaduz, das ständig wuchs durch eingesparte Mittel des exzessiven Konsumverzichts und penetrantem Vorteilsmaximierungsdrangs. Also ein echter Dieselfahrer alter Schule. Vetter Froeschlein nahm für gewöhnlich den billigsten Leihwagen zwischen Hamburg und Dortmund (er wohnte in Detmold), fuhr an einem Tag von dort nach Vaduz und zurück, bediente sein Konto und brachte die Leihwagenfirma ins Staunen über sein abgelegtes Kilometerpensum. Seit dem es Billigflieger gibt, gibt es auch solche Leute im Flugzeug. Echte Vorteilsmaximierung. Aber nicht die Sorte Mensch, die seine Kunden waren. Bei soviel Knauserigkeit ist der Stress vorprogrammiert. Vergleiche von Bankgebühren und Telefongebühren waren nicht sein Ding. Geiz macht krank. Geil machten ihn andere Dinge. Es war anstrengend mit Krüger zu Verhandeln. Ein falscher Satz, gar ein falsches Wort, verquerte Ideen und man wurde vom ernst genommenen Partner degradiert zur Zunft der Behandelten, zu jemanden, der keine Ahnung hat und nicht mitreden kann. Der Vorteil dieser Klassifizierung ist eine gewisse Qualität der Arbeit und des Konstruktionsergebnisses. Naive oder zu verwegene Vorhaben blieben bei Krüger auf der Stecke, der Sinn für das Machbare war ihm gegeben. Versteuerte Gewinne des Mittelstandes waren nicht unbedingt wirtschaftliche Dummheit, sondern Tarnmasse, die je größer um so besser geeigneter war, lukrative, steuer - sparende Extrageschäfte unauffällig werden zu lassen. Bildlich gesprochen, reicht die Schafherde bis zum Horizont, sieht man das schwarze Schaf nicht. Was soll denn auch ein steuerlicher Betriebsprüfer machen, der sich von tausenden Belegen und Vorgängen konfrontiert sieht? Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen wird schwerer, je größer der Heuhaufen ist. Man kann ja auch Wunschfehler einbauen, die die Aktivität abbremst und, genau so wichtig, dem Betriebsprüfer ein Erfolgserlebnis geben. Der Unternehmer hat ja nichts zu verlieren. Er zahlt nur die Steuer, die er ohnehin hätte zahlen müssen. Falls er nicht geprüft wird, ist er auf der Gewinnerseite. Ein Prüfer weißt um diese Tricks. Nur er weiß nicht, wer das harmlose weiße Schaf und wer das schwarze Schaf ist und wer am Ende der Wolf im Schafspelz ist. Daher galt auch für Krüger die Beratungsmaxime: nicht auffallen. Zum Beispiel: kein Ferrari in der Garage. Denn wer einen Ferrari auch noch mit Zuger Nummernschild hat, kann sich gleich selbst bei der Steuerfahndung anzeigen. Oder er hat tatsächlich alles versteuert. Es galt, als die grauste aller grauen Mäuse beim Finanzamt zu wirken. Und bitte mit Einzugsermächtigung für das Finanzamt. Zahlen muss man sowieso. Im Falle der Unachtsamkeit spart man sich sogar die Pfändung. Bei all der Realisierung dessen kann man dann auf so einer unauffälligen Basis von der Pflicht zur Kür übergehen. Aber erstmal die Pflicht. Zur Not bot sich Krüger selbst oder ein linientreuer Mitarbeiter an, in der Unternehmung eine Übersicht zu machen, gegen Bezahlung nach Stundensatz ab 250,--€ + Spesen, versteht sich. Hinzu kam die Begutachtung des privaten Charakterumfeld des Steuerbürgers. Krüger ermahnte immer wieder, wer alles seiner Frau oder seinen Stammtischbrüdern erzählt, sollte besser gleich zu Hause bleiben. Diskretion ist oberstes Prinzip. Keine auffälligen Rotlichtbesuche, kein Schwelgen in Szenerestaurants und keine übergroßen Trinkgelder. Die legale Herkunft all dieser finanziellen Ausgaben muss erklärbar sein. Wer nicht widerstehen kann, dem sei der Ferrari in Marbella genehmigt, mit Auslandszulassung, diskret in der Garage oder Tiefgarage unter einer Plane. Verbissene Ideen steuergefrusteter Bundesbürger hatten bei Krüger keine Chance auf Realisierung, wenn sie sich nur durch Abgabenhass und ohne realisierbaren Kern darstellten. Unternehmersprüche wie „ich schreibe jetzt Rechnungen aus Vaduz“, wurden belächelt. Wenn man so offensichtlich zeigt, dass man in Lichtenstein operiert, gelangt man schnell auf dem Radarschirm der Steuerbehörden. Wer auf dumme Weise Gelder abzwackt, ohne eine überzeugende Erklärung zur Tarnung, hatte keine Chance bei Krüger. Umgekehrt entwickelte Krüger Ehrgeiz bei Steilvorlage der Handelsverhältnisse. Wenn man bei sprudelnden Gewinnen nur Inlandsbeziehungen hat, sucht man sich eben eine andere deutsche GmbH mit Strohmanngeschäftsführer der Rechnungen an die eigene Firma fakturiert. Irgendwie kommt das Geld dann natürlich zum Unternehmer – nach Abzug der Spesen für Krüger & Co – zurück. Hat im Falle des Entdeckens der Betriebsprüfer Zweifel, darf er eine Kontrollmitteilung schreiben. Und dann? Dann schickt man nach einer gewissen Zeit die Mondfirmen – GmbH in die Insolvenz und über alle Berge und nichts passiert. Krüger und Gefolgschaft hatten sozusagen aus Rationalisierungsgründen schon für gebündelten Bedarf Mondfirmen vorgegründet. Mit ausländischen Geschäftsführern, sozusagen mit gesellschaftsrechtlichen Stuntmen, die ihrerseits die Gewinne aus dem Gebilde heraus in unbedarfte Nachbarländer fließen ließen. Mit dem Inhaber der Gewinnquelle wurde dieses Ertragsrecycling absprachegemäß geteilt. So etwas kann natürlich nicht jeder. Und auch nicht jeder Unternehmer kann dies realisieren, aber wer will denn auch schon für jeden arbeiten? Hier drehte man ein etwas größeres Rad. Für Krüger reichte der Markt, auch für etliche anderen Kollegen.

Düsseldorfer Nobel-Club Sam's

Das Sam's unterschied an der Tür verschiedenen Kategorien von Menschen: Erstmal in solche die reinkommen und die, die nicht reinkommen. Bei denen die reinkommen, gibt es dann drei Unterkategorien: Diejeniegen, die stehen müssen. Dann die, die sitzen dürfen. Und dann die Premium Liga. Die darf sitzen und auf die Personaltoilette gehen. Wie ein berühmter verstorbener Maler aus Düsseldorf. Als Heinz sich im lärmenden Nobel-Club umschaute, er war hinein gekommen, traf er zufällig Eva, die Soul - Sister von Trisha. Sie saß in der Premium-Liga zusammen mit ihrem aktuellen Sponsor, einem Restaurant - Besitzer. In dem Kreise der Auserwähltem, die an einem Tisch sitzen durften, saßen andere Leute, die er nicht kannte. Ihm fiel schnell auf, dass Eva auffällig und für jeden sichtbar mit einem bekannten Düsseldorfer Unternehmer flirtete, der am gegenüberliegenden Tisch sah. Sie schienen sich geheime Botschaften zuzuflunkern. Der Mann erhob sich und ging in Richtung Personaltoilette, kurz darauf folgte Eva dorthin. Heinz dachte sich nicht dabei. Er blickte in das bunte Getümmel der gestylten Gäste, die sich auf der Tanzfläche amüsierten. Nachdem er den ersten Drink zu sich genommen hatte, verspürte er den Wunsch, sich zu erleichtern. Er ging zur Personaltoilette, obwohl er nicht ganz sicher war, ob er nun zur Premium - Liga gehörte. Er öffnete den Raum und konnte gerade sehen, wie der Unternehmer im Vorraum der Toilette stand und gerade von Eva an einer bestimmten Stelle oral beglückt wurde. Blitzschnell schloss er die Tür und ging etwas konsterniert wieder zurück zur Tanzfläche. Kurz später sah er, wie Eva sich wieder zurück zu ihrem Sugar - Daddy setzte und ihm einen saftigen Zungenkuss gab.

Exzessive Tierliebe macht Frauen unattraktiv

Am Anfang denkt man, so ein kleines Kätzchen, wen kann das schon stören? Bald weiß man es. Es geht ja noch, wenn die Tiere beim Vorspiel zuschauen, aber dann gehört der Platz in Frauchens Bett eindeutig dem Vierbeiner. Er wusste noch aus früheren Zeiten, Kratzer und Wunden am anderen Morgen sind nicht immer ein Zeichen für leidenschaftlichen Sex. Ein unfairer Kampf, ohne Waffengleichheit, man kann doch nicht die Katze verprügeln, höchstens überfahren, aber man hat doch keinen Porsche im Schlafzimmer. Er wusste bereits, wie es sich anfühlt, wenn man beim Zähneputzen auf Katzenstreu tritt. Und die Frage, die Katze oder ich, kann man sich selbst beantworten. Da kennen Frauen kein Pardon. Schließlich ist Männerhaut selten so weich wie ein Katzenfell. Überhaupt hatte Heinz so seine Einstellung zu Frauen mit Tieren. Da hatte er schon Vorkenntnisse. Das Thema über Frauen mit Pferd hat sich noch schneller erledigt. Intensive Tiergerüche statt Chanel No. 5, nein Danke. Beim Thema Frau und Hund dachte er an einen Tibet - Terrier namens Fritz und Frauchen Andrea aus der Werbebranche. Eine aparte Frau. Mit der hatte er sich hin und wieder mal vor Jahren verabredet. Außer tollen Gesprächen und der Tatsache, dass sie ihn gecastet hatte für ein Gourmet - Magazin, fand nichts statt. Doch sie meldete sich immer wieder. Manche brauchen lange, dachte er. Dann schien der Durchbruch zu kommen. Sie nahm ihn mit auf ein Business- und Freizeit - Wochenende in Hamburg. Neben ihm fuhr natürlich noch der schwarze Tibet - Terrier Fritz mit. In ihrem BMW - Cabriolet wurde Heinz misstraurig von dem Hund während der ganzen Strecke mit abfälligen Blicken traktiert. Während sie am Freitag in Hamburg ihre Honneurs bei den Werbeagenturen machte, durfte er auf Fritz aufpassen. Männer sind ja auch zu was zu gebrauchen. Ein grandioser Vertrauensbeweis. Mit Fritz und Heinz ging es eine Weile gut, bis sie beide in die Arkaden am neuen Wall kamen. Dort gab es eine Rolltreppe. Heinz dachte sich nichts dabei. Fritz wurde mitgeschleift. Das Tier wunderte sich über die Stufen die aus dem Boden kamen und immer größer wurden. Das führte zu gewissen Dehnübungen bei dem kleinen Hund, der nicht auf die sich entlang ziehenden Stufen reagierte. Heinz staunte, wie lang der kleine Hund werden konnte. Überdehnung, würde der Leistungssportler sagen. Leider verklemmten seine haarigen Pfoten an vier gespreizten Beinen am Ende der Rolltreppe den freien Abgang. Sie drohten einzuklemmen. Beherzt riss Heinz den Körper des Hundes aus den engen Metallrillen. Vor Schock vergaß das Tier zu jaulen. Ein Fall für den Tierpsychologen. Einige Haarbüschel gingen abwärts in das Labyrinth der Rolltreppenmaschinerie. Die Beziehung der Beiden war nun endgültig erkaltet. Nach diesem Erlebnisausflug begrüßte der Hund sein Frauchen überschwänglich bei der Rückkehr, so dass Heinz das Erlebte beichtete. Er entging knapp einer Anzeige wegen Verletzung der Aufsichtspflicht und fuhr unverstanden mit dem Zug zurück. Gedanklich reflektierend, meinte Heinz nach seinen Erlebnissen, ob Frauen, sich nicht auch ein wenig anstrengen müssten um bei Männern etwas zu erreichen? War das nicht ein ungleiches Spiel? Ein gutes Thema für die Mens World. Es würde ja schon reichen, wenn sie nur eine positive Atmosphäre schaffen könnten. Besonders wenn man sich gerade kennen lernt, schüttelte Heinz den Kopf. Das Diskreditieren der bösen Schwiegermutter und des Trunkenboldes von Ex - Mann gehören wirklich nicht dazu. Wahrscheinlich hatte der Mann Grund zum Trinken, schlussfolgerte Heinz über seine letzte Kennenlern-Pleite Rita.

Restaurant Ritzis

Das Rizzis war ein modernes, erstklassiges Restaurant mit erlesenem, coolen Design wobei trotz aller Modernität die große Schule der Koch- und Service - Kunst gepflegt wurde. Leider gönnten sich zu dieser Zwischenstunde im Tagesablauf die Servicekräfte ihre eigene Musik in Form von Bushido oder so was über die Lautsprecheranlage und MTV über das Fernsehen. Die Platzwahl war jetzt ein Optimierungsproblem. Die beiden wollten allgemein einen schönen Platz haben, weit weg vom Küchenausgang, weit weg vom inneren und äußeren Restaurantausgang, mit schönen Blick in den Park oder ins Lokal oder auf die interessante Barlandschaft und ein bisschen weg von anderen Gästen. Schon allein Othello zu liebe. Letztlich mochten beide die intensive Bushido - Beschallung weniger, eigentlich ein klarer Minuspunkt für ein Gourmet - Tempelchen dieser Güte. Aber wer will schon meckern und mit der Welt hadern? Auf jedem Fall Professor Heinz Hermanns, der sofort um Dämmung der Lautstärke bat, was befolgt wurde. Frau Garbowski erklärte, Othello könne sich nur schlecht auf neue Gegebenheiten einstellen, so war er beim Betreten des Restaurants gereizt, knurrte und schmiss Gott sei Dank nur drei Stühle um. Frauchen meinte, man möge doch wegen des zart besaiteten Hundes einen Tisch am äußersten Ende des Wintergartens nehmen. Leider störte auf dem Weg dahin ein besetzter Tisch. Die beiden Gäste dieses Tisches hatten ihre Garderobe und eine exquisite Damenhandtasche auf einen Stuhl gelegt. Der Boxerrüde Othello fand die beiden Gäste so interessant, dass er gleich unter deren Tisch verschwand, schnupperte, auf der anderen Seite wieder auftauchte und sein sabberndes, gemütliches altes Hundehaupt der Dame auf den Schoß legte. In femininer Übertreibung kreischte die mittelalte Frau, sprang auf, brachte ihren Tisch samt Auflagen, Besteck und Essen zum Wanken, erstarrte eine Schrecksekunde in halbhoher Habacht - Stellung, sank in sich zusammen und fiel auf den Stuhl. Ihr männliches Gegenüber reagierte blitzschnell und verhinderte das Herunterfallen aller größeren Teile vom Tisch auf den Boden. Der Aufmerksamkeitseffekt war groß, vielleicht hätte man doch besser Bushido laut weitergingen, bzw. rappen gelassen. Die so attackierte Dame fand keine Worte, sondern nur “Was, Was…, Was war das denn…” Zuerst bildete Frau Garbowski ganze Sätze: “Quel malheur, quel catastrope, je suis en foul, mon dieu, je suis treu treu desole, mille fois pardon.” Das Französisch der Volkshochschule von Bottrop beschwichtigte nur wenig. “Mein Rock ist ruiniert, unser Abend ist hin, Schatz“ pustete die betroffene Dame heraus. “Ich will sofort nach Hause!” Heinz wünschte sich am Liebsten im Boden zu versinken und dachte sich, jetzt wird er zum ersten Mal die Erfahrung machen, aus einem Restaurant rausgeschmissen zu werden. Trotzdem mischte er sich spontan ein und wollte beschwichtigen: “Aber gnädige Frau, das ist doch nur ein bisschen Sabba, na ja Sabba, wie beim Knutschen auch. Das macht man doch weg mit ein wenig Wasser und Tempo - Taschentüchern.” “Wir sabbern nicht beim Knutschen,” protestierte die zu beschwichtigende Dame. Heinz merkte wohl, sich im Ton vergriffen zu haben, wollte schon sagen, dass dann wohl die Leidenschaft fehle, wurde jedoch verbindlicher: “Na ja, es ist ja niemand verletzt, meine Mandantin kommt selbstverständlich für die Reinigung auf und ich bitte Sie eindringlich, akzeptieren Sie, dass neu eingedeckt wird auf unsere Kosten.” Der männliche Begleiter der Dame meldete sich zu Wort, Heinz befürchtete, sich duellieren zu müssen. Eigentlich ein stilvoller Abgang, im wundervollen Park von Baden - Baden unter erhabenen alten Bäumen im Morgengrauen erschossen zu werden. “Natürlich, natürlich, es lässt sich regeln, der Sommelier und der Oberkellner kommen noch mal und wir kriegen das hin. Der Schaden geht auf Ihrem Tisch.” Na eben, Männer unter sich regeln das schon. So war der erneute Einsatz von Frau Garbowski, diesmal auf Deutsch, eigentlich überflüssig: “Ach wissen Sie Herrschaften, der Hund ist alt und operiert. Der hat mir aber in Cannes das Leben gerettet, ich hatte schon das Messer vom Einbrecher in unsere Villa am Hals, nur sein Bellen hat mich gerettet, in der Tat.” Ihnen war nach etwas Abstand zu dem Ort des klappernden Malheurs. So gingen sie zurück ins Haupthaus und nahmen am erst besten Tisch Platz, der frei war. Freundlich wir er war, hatte Heinz der Mandantin den besseren Blick in den Park und ins Lokal überlassen. Heinz blickte auf die Wand, an der Frau Gabrowski genüsslich Platz genommen hatte. Heinz blickte nicht nur auf die Wand, sondern auf einen überdimensionalen digitalen Flach - Bildschirm, auf dem ja M TV lief. Nach diesem Show - Down wollte Heinz nicht mehr protestieren, so ließ er das Fernsehen über sich ergehen. Es kam dort gerade eine Sendung, in der sich 12 Mädels in den USA um einen Rap - Star bemühten, seine Freundin werden wollten. Alle Mädels lebten zusammen in einem Haus und erprobten ihre Reize an dem Star. Die jungen Damen bekamen in der pompösen Villa des Erfolgsrappers einen Nick - Name, besonders oft in Form einer US Stadt. Der farbige Star seinerseits wurde immer zwischendurch eingeblendet, trug einen Nibelungenhelm mit Hörnern, der kulturell eher in nordischen Gefilden seinen Einsatz fand, auf den Kopf und gab seine Kommentare über die Erfahrungen mit den Mädels ab. Schon beim Studieren der Speisekarte hatte Heinz Probleme sich zu konzentrieren: die Reizeinblendung des riesigen Flachbildschirms, die sich steigernde Theatralik der erzählten Lebensgeschichte von Frau Garbowski, die Angst vor einer erneuten Explosion der Hundeseele führten zu keiner besonderen Wohl - Fühl - Situation. Leider wollte seine Gesprächspartnerin immer wieder die Höhen und Tiefen ihres Werdegangs vom einfachen Zimmermädchen zur Glamour - Witwe schildern. “Ich habe meinen Mann geliebt, ich war seine vierte Frau, wir waren 33 Jahre verheiratet, er war 61 als wir uns kennen lernten und ich 35.” Auf dem Bildschirm über ihrem Haupt blendete sich der “US Bushido ein: “Philadelphia ist out, die ist im Bett eine Grobmotorikerin.” Dazu Philadelphia: “Der Musik - Spastiker kriegt ihn nur halb hoch, ich bin weg. Geld ohne Sex, no.” Frau Garbowski indessen: “Mein Erich nannte mich Pünktchen, als wir uns kennen lernten, in einer Parfümerie trug ich ein Pünktchen - Kleid. Es war Frühling, mein Frühling.” Heinz: “Ich glaube auch, nach allem was Sie erzählten, Sie hatten eine wunderbare Ehe.” Der US Bushido: “L. A. ist ein Trampel und sensibel wie eine Schneefräse.” Frau Garbowski mit einem theatralischen Augenaufschlag: “An seinem Todestag, er wurde 93 und starb zu Hause, sagte mein Erich nur, ich warte auf Dich, lass mich jetzt gehen.” “Salt Lake City ist mein Favorit, aber erst mal muss ich noch die Anderen testen, ha ha ha” sprach U. S. Bushido und verschwand mit Miami im Großraumbett unter einer planenartigen Felldecke. Letztendlich dachte sich Heinz, von digitaler und realer Welt gegenüber beeinflusst, auf unterschiedlichen Schauplätzen geht es immer wieder um das eine. Toujour la' moure. Jeder hat eben dabei offensichtlich seinen ganz eigenen Stil.

DIALOG IM FITNESSCLUB

Hallo Nadeschka,” begrüßte er die Bekannte, “heute klappt es ja mit dem Pobacken - Training.” “Ja,” grinste die Ungarin, “ich habe ja auch alle blöden Männer hinter mir gelassen. Ach übrigens, was macht meine Anzeige gegen dieses dumme Arschloch von Sascha Müller. Ich brauche dringend das Geld.” Nadeschka war mit einem Aktienverkäufer von Castro eine zeitlang liiert gewesen, eben Sascha Müller. Ein ausnehmend gut aussehender junger Mann mit hervorragenden Manieren. Nadeschka wollte endlich einmal weg von den älteren, gut situierten Männer, ist dann leider gleich wieder auf die Nase gefallen. Unglücklicherweise hatte Sascha Müller ständig Geldsorgen und hatte sich unter dem Vorwand, beim TÜV die neuen Felgen eintragen lassen zu müssen, das Auto und dazugehörige Papiere von seiner Freundin Nadeschka geliehen. Unter Missachtung des juristischen Instituts der Leihe, hatte er das Auto kurzerhand verkauft und sich abgesetzt. Den erzielten Kaufpreis hatte er natürlich behalten. Heinz hatte für Nadeschka Strafanzeige gegen ihn erstattet und das Mahnverfahren zur Rückzahlung des Geldes eingeleitet. Der Verfolgte war durchaus reuig, doch konnte er nicht sofort zurückzahlen. Seine Kreditgeber haben wohl energischere Machtmittel als Anwalt und Gericht. Neulich hatte er sich nachträglich bei Castro AOK versichern lassen, er brauchte eine Krankenversicherung, die Mafia der illegalen Kreditgeber hatte ihm einen Finger abschneiden lassen. Eine immer noch übliche Geste des Inkasso - Verfahrens. All dies teilte Heinz Nadeschka mit. “Die haben ihm einen Finger abgeschnitten?” grinste sie unschuldig und legte nach: “die hätten ihm den Finger zwischen den Beinen abschneiden sollen.” Heinz beschwichtigte, im Rahmen eines humanen Strafvollzuges wäre das nicht korrekt. “Weißt Du was Heinz,” echauffierte sich Nadeschka, “neulich fahre ich bei der Kälte in der Straßenbahn, kannst Du Dir das vorstellen, ich schöne junge Frau in der Straßenbahn?”. Ihr bestürzter Unterton war unüberhörbar. Heinz konnte sich das vorstellen. “Da sehe ich neben der Straßenbahn meinen Sascha Müller herfahren, in einem neuen Golf GTI, in schwarz metallic. Und ich, sitze in der zugigen und verdreckten Straßenbahn, werde ständig angerotzt, und der, sitzt mit seinem Arsch schon wieder auf warmen Ledersitzen mit Popoheizung.” “Nadeschka, kann das sein, dass Du heute schlechte Laune hast?” fragte Heinz belustigt die temperamentvolle Ungarin. “Ja, das kann verdammt sein, das hat heute morgen schon jemand gespürt. Ich hatte heute einen Job als Schuh - Modell bei Fendi auf der Kaiserswerther Straße. Mit dem Auto von Faustino, dem Geschäftsführer war ich in der Stadt zum Requisiten kaufen. Der hat einen schönen Mercedes der E - Klasse. Als ich zurückkam, musste ich vor dem Showroom einen Augenblick in der zweiten Reihe parken, aussteigen und die Tiefgarage aufmachen. Ich ging zurück zum Auto, da hielt hinter mir leider schon eine Straßenbahn und der Fahrer schnauzte mich an: Sie, Schicki - Micki - Tante sollten verdammt noch mal die Straße freimachen… Bevor der weiterreden konnte, da habe ich ihm aber gesagt: “Erstmal ist die Autotür auf und jeder sieht ich mache gerade nur die Garage auf und zweitens bist Du ein Anachronismus, denn Du gehörst sowieso unter die Erde, Du Möchtegern U - Bahn” Nadeschka sah, dass Heinz die Men's World las, der Pflichtlektüre im Studiobereich. “Die ist gut,” meinte sie mit ungarischem Akzent, “da steht immer drin wie “gut Ficken” geht.” “Aber auch noch was anderes…,” protestierte Heinz. “Da gibt es doch super Lebenshilfen in der Men's World: Wie öffne ich eine Bierflasche mit einer Hand? Wie mache ich eine Schleuderwende mit dem Auto im Falle des Verfolgt - Werdens? “ Heinz versuchte Nadeschka zum Lachen zu bringen. Er war zwar kein begnadeter Entertainer, brachte aber genügend Witz mit für diese Einlage. Provozierend fragte er sie: “Was machen, wenn sie keinen Orgasmus kriegt?” “Ja, nichts!” plusterten beide im gleichen Moment laut los. Hier konnte er reden, lächeln, flirten und gönnte sich einen Blick auf Busen, Beine und Po auf eng anliegenden Trainingsdresses. All das hob den Testosteronspiegel des Mannes und trug zur vermehrten Fettverbrennung bei. Er genoss es, durch die allgegenwärtigen Spiegelwände begünstigt, zu beobachten ohne direkt in die Richtung der Mädels zu gucken.

KONSUM PERSIFLAGE

Heinz blickte über den Golfplatz und kam sich ein wenig “erleuchtet” vor. Immer dieses Gieren nach mehr. Die nach Anerkennung lechzenden Reichen beneidete Heinz nicht. Sie müssen tun, was “man” tut. Dazu gehört beispielsweise auf der zugigen Nordseeinsel Sylt kalten und teuren Urlaub machen. Im Winter in das noch kältere St. Moritz reisen. Sie müssen in schönen, aber oft unbequemen und unzuverlässigen Autos wie Ferrari oder Lamborghini fahren. Sie müssen sich abends in Kellerdiskos à la Sam's und P 1 eiskalten Champagner in den Magen schlagen, müssen ebenso kalte, mit Kolibakterien, Cholesterin und Schwermetallen verseuchte Austern schlürfen statt essen, die oft von frechen und vorwitzigen Kellnern gebracht werden, die glauben, den Reichen geht es zu gut. Was aber gar nicht stimmt. Einige Reiche tragen teure Uhren mit alter Technik, unbequemer Faltschließe und mit vielen Extras, die sie nicht verstehen aber dafür einen 100 jährigen Kalender haben, bis 300 m Wassertiefe dicht sind und die Mondphasen anzeigen. Alles Dinge, die Heinz nicht unbedingt brauchte. Von diesen Uhren muss man mindestens ein halbes Dutzend haben, erstmal sind die ständig zur Reparatur und zweitens gehört sich das so. Außerdem, was für ein Stress, dachte sich Heinz, brauchten die Uhren auch noch einen elektrischen Uhren - Humidor mit Drehmechanismus, für die Lagerung der Uhren und den täglichen Wechsel. “Ach übrigens Heinz,” sprach neulich ein besorgter Nachbar aus Düsseldorf - Oberkassel, “was Du da hast ist nicht die Aquanaut, sondern nur die Nautilus von Patek Philippe?” Was könnte bei solch aufmerksamen Nachbarn im sozialen Umfeld des Lebens noch schief gehen? Dabei ist sogar eine einfache Swatch für 43 € wasserdicht und waschmaschinenfest bis 60 Grad. Das soll die Patek Philippe erst mal nachmachen! Heinz hatte sich hier auf dem Golfplatz unter Teneriffas Sonne ganz schön in das Thema hineingesteigert. Er verspottete doch eher solcherlei gestresste Reichen. Einige müssen immer lächeln, genug Geld vernichten und über all das schöne Erlebte berichten. Oder sie müssen lächeln aus Pflichterfüllung, ständig Charity - Events besuchen. Schlemmen, Schwofen und fotografiert werden, natürlich nur für den guten Zweck. Man muss Millionen für Repräsentation ausgeben um Million an Spenden zu sammeln. Ein Leben im Dienste der Aufopferung? Bei einigen ja, bei anderen weniger. Dazu kam noch, räumte Heinz ein, dass die Millionen oft gar nicht so anständig verdient wurden, wie viele taten. Da konnte er ja jetzt schließlich auch ein Wort mitreden. Trotzdem: Er war nicht zu spät, er wollte nicht so einer sein. Halb aggressiv, halb humorvoll rechnete er für sich mit den Reichen ab: Warum reich und prominent sein? Um ein Bad in der Menge zu nehmen? Wer ein Bad in der Menge braucht, kann doch einfach morgens um halb sieben mit der Strassenbahn fahren. Dort steht man mehr als dicht und hat das Bad in der Menge. Das musste er dringend Trisha vorschlagen. Richtiger Reichtum war sicherlich in früheren Zeiten interessant, stand für Heinz fest: wie gut hatten es die alten Römer, wenn sie dazu gehörten. Man parlierte im Senat, ließ sich im Thermalbad von zauberhaft exotischen Sklavinnen mit Weintrauben füttern und überall massieren. Es gab kein Antidiskriminierungsgesetz und keinen Kündigungsschutz: wer schlechte Leistung brachte, wurde einfach verkauft, eventuell ausgepeitscht oder den hungrigen Löwen vorgeworfen. Heute müssen alle politisch korrekt sein oder so tun. Caligula und Nero brauchten keine Image- oder Ethikberater, geschweige denn Personalberater oder Kurse für Mitarbeitermotivation. Oder wie herrlich ging es den Päpsten in der Renaissance. Bei dem Lebenswandel, wie etwa dem des Borghia Papstes Alexander der Sechste, würden heute selbst Popstars vor Neid erblassen. Auch bei dem hanseatische Kaufmannsgeschlecht der Buddenbrooks bekannte sich zum bürgerlichen Leistungsprinzip und leistete sich trotzdem viel: bei Johann Buddenbrook kam morgens um 9.30 Uhr der Barbier zum Rasieren. Beim Steuersatz von 4 % Einkommensteuer, nicht Umsatzsteuer, konnte man sich das leisten. Der Herr Konsul setzte sich, las die Zeitung und wurde rasiert. Nach dem Abendessen wurde musiziert, geraucht, denn man durfte sogar noch rauchen als Bourgeois oder Citoyen. Hinterher wurde in den Gesellschaftsräumen des eigens dafür angebrachten Hinterhauses mit den anderen Angehörigen des Patriziertums Billard gespielt. Das hatte doch wohl Stil! Verirrte sich mal der Hausherr zur nächtlichen Stunde in der Zimmertür, gab das kein großes Geschrei, schmunzelte Heinz während diesen Gedankens vor sich hin und dachte an einem Zitat von Wilhelm Busch: “Ein jeder Knabe hat einmal, einen Hang zum Küchenpersonal.” Kommt so etwas heute raus, wusste er, wird aus dem untreuen, reichen Mann bei Ehebruch schnell ein armer Mann, wenn die wutentbrannte Ehefrau einen guten Scheidungsanwalt findet.